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Spatial Statements. The Church of Roland - Szenografie des Sakralen

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/ Aufgabe
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten etliche Geisteswissenschaftler einerseits einen bis heute durchaus andauernden Status Quo der „westlich“ geprägten Gesellschaften recht starr determiniert: In ihrer Beschreibung umrissen sie eine scharfe Grenzziehung und Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen innerhalb des Gesellschaftsverbandes, welche zugleich das „Heilige“ und „Göttliche“ zu einem vor-modernem Phänomen stigmatisierten. Am bekanntesten steht hierfür Friedrich Nietzsche‘s bekannter, oft fehl interpretierter Ausspruch „Gott ist todt!“.
Nun, das „Göttliche“, „Heilige“ und „Übergeordnete“ ist aber nicht verschwunden und nicht nur in vorgefertigten Sakral- und Kirchenräumen als ritueller Spielplatz vorhanden, sondern beschäftigt die Menschen nach wie vor auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins. Der französische Kulturphilosoph Georges Bataille beschreibt das Heilige beispielsweise als eine innere Erfahrung in Form von Grenzüberschreitungen und Verausgabungen, in welcher überschüssige Energien als orgiastische „Verschwendungen“ die Souveranität des Menschen zum Vorschein bringen. Etwas präziser hingegen Michel Focault: Er spricht in seinem Text „Von anderen Räumen“ über die „verpasste“ Entsakralisierung von Räumen seit dem Mittelalter und dem Aufkommen von Utopien und sogenannten Heterotopien. Also Übergangs- und Referenzorte (wie das Kino, der Fernseher, dem WWW, etc.) hin zu einer anderen Wirklichkeit. Das Heilige fliesst somit vielmehr sehr diversifizert in unseren Alltag in Ausprägungen von wenig beachteten und reflektierten Ritualen, Mythen, Altären und Zeremonien ein – momentan endend in unserem Streben nach digitaler, wechselseitig passierender Selbstoptimierung und dem trancehaften Glauben an den Algorithmus. Und dadurch brandaktuell.
Das Sakrale begegnet uns in der Alltags- und Popkultur häufiger als wir „glauben“. Deutungs- und Erklärungmöglichkeiten finden sich in utopistischen Science-Fiction-Filmen (mit Fragen nach Unsterblichkeit und in die Gottposition gelangend bei Blade Runner, Ghost in the Shell, Ex-Machina, Neuromancer, Doctor Strange), Monumentalfilmen (konservativ-christliche Botschaften und Idealisierung / Ikonisierung in Passion Christi, Apocalypto), Serien (The Leftovers, Westworld, American Gods), Musik (The KLF - Ancients of MuMu), Oper (Richard Wagner), Medienspektakeln (Wetten dass?, Der grosse Preis, Running Man, Die Tribute von Panem), Mode, Architektur, Werbung, etc. – schlicht in beinah allen Kommunikationsformen und -kanälen.

Unsere zentrale Ausgangsposition und Fragestellung lautet daher; wo befindet sich das Heilige, das Sakrale, das Profane heutzutage? Welche Phänomene können wir entdecken, welche Werte dominieren und schlicht woran glauben wir heute?
Wie brechen wir den eingangs behaupteten Gegensatz von „Sakral-Profan“ auf und beginnen mit Mechanismen dessen zu spielen?

Um uns diesen Fragestellungen und den angesprochenen, theoretischen Figuren zu nähern, untersuchen wir die Konzeption von Sakralräumen zum einen und beschäftigen uns mit grundlegenden Glaubenskonstrukten zum anderen, wie beispielsweise beim Christentum, Islam, Buddhismus, Voodoo, Candomblé und bei primär klassischen, animistischen Naturreligionen /vorliegend.

Insbesondere die Zusammenhänge des Voodoos mit untoten mysteriösen Riten finden nach wie vor eine breite popkulturelle Bearbeitung und ermöglichen ein hochinteressantes, weites Untersuchsfeld im Zeichen des Synkretismus. Zwar wurde in der „Neuen Welt“ unterbunden, dass die deportierten afrikanischen Sklaven ihre ursprünglichen religiösen Kulte praktizieren, dennoch war es ihnen möglich sich auszutauschen und ihre kulturellen sowie religiösen Traditionen weiterzuentwickeln. Gerade der Iberische (Volks-)Katholizismus mit seiner eigenen Auslegung von Heiligen- und Märtyrerverehrungen sowie einem Wallfahrtswesen mit lokalem Brauchtum (in der „Neuen Welt“) fungierte letztlich als Anknüpfungspunkt und erzeugte in Kombination mit traditonellen afrikanischen Riten und Mythen ein collagenhaftes religiöses Terrain (bis hin zur Formierung neuer Religionsgemeinschaften, die bis heute bestehen). Die christliche Interpretation des Katholizismus bot unter szenographischen Gesichtspunkten ein Übermass an Akteuren, Geschichten, Abläufen, Raumprogrammen und -bildern: eine grosse Heiligenschar, Vorstellungen von einer magischen Wirksamkeit rituellen Handelns mit Masken und Tänzen bis hin zum in Europa verfemten Trancezustand, Bilder von Engeln und Dämonen, farbenfrohe Schilderungen von Gut und Böse, mündend in Himmel und Hölle. Soziologen zeichnen zahlreiche Parallelen zwischen katholischen Heiligen, der Marienverehrung als Übermutter und den Göttern und Geistern der afrikanischen Glaubensrichtungen nach.

Architektonisch betrachtet gelten Tempel und Kirchen allgemein als christlich bautypologische „Urform“ des Sakralraums, in welcher die Versammlungsräume der Urkirche – zeitlich gesehen – seit der konstantinischen Zeit durch Ritual, Liturgie, Weihe und Reliquien zu einem Präsenzort des Heiligen festgelegt und damit selbst heilig wurden. Kirchenräume sind demnach Orte, die für die Begegnung mit Gott oder dem „Göttlichen“ in besondere Weise reserviert sind – also eine Art Transfer- oder Transitraum. Ein Bezug, welchen wir insbesondere beim konkreten Ausstellungsort (siehe unten) heranziehen können. Ein Ort kann somit nur Kirche oder sakral sein, wenn er zu einer anderen Wirklichkeit führt, eine Nahtstelle zwischen Himmel und Erde, Transzendenz und Immanenz. Interpretieren kann man solch einen Raum als Machtraum, Erlebnisraum, Begegnungsraum oder Kultraum. Aber nicht nur die Ausgrenzung des Profanen macht den Ort sakral, vielmehr bietet die Hülle den Raum für die Inszenierung des Übergangs.

/ Ort
Das Semesterprojekt „Spatial Statements. The Church of Roland – Szenografie des Sakralen “ möchte vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Spannungsfelder eine Wahrnehmung für die Möglichkeiten räumlicher Kommunikation und den Parametern Graphik, Licht, Ton, Material, Medien, Film, Zeit, Mensch, Ort herstellen. Wo kann das stattfinden und vor allem was? Der Titel lässt bereits ziemlich konkret darauf schliessen: Im Alfons-Kern-Turm in Form einer erstmalig von Studierenden – nämlich Ihnen – kurarierten und konzeptionierten Dauerausstellung, welche zum Semesterende Anfang Februar eröffnet werden soll. Im ersten Schritt gilt es die Qualitäten dieses Ortes zu analysieren, den Turm, die Aussenflächen im Angesicht des Themas umzukontextualisieren, vielleicht zu einer „Church“ oder „Tempel“ zu transformieren und die zur Verfügung stehenden Räume als szenografisches Spielfeld bis zum Äussersten zu reizen. Eine grosse und spannende Herausforderung: Content für die Ausstellung zu produzieren und innerhalb der Ausstellung zu kommunizieren, entlang von thematischen Punkten eine Customer Journey oder Raumdramaturgie vom Eingang bis auf das oberste Stockwerk zu entwickeln, dem Ausstellungsvorhaben in Form eines Corporate Designs ein Gesicht zu geben. Ebenfalls erstmalig könnte eine Einbindung von Positionen des dritten Semesters innerhalb der von Ihnen vorgegeben Ausstellungskonzeption passieren.

Fachgruppe

Bachelor in Visuelle Kommunikation

PWV2541 D1. Inszenierung im Raum

Semester

Wintersemester 2017 / 2018

Raum

KiR-Raum

Lehrende